Vorwort


Man kann die Pfütze sehen; man kann aber die Pfütze betrachten
und die Sterne sehen, die sich in ihr spiegeln.

Wladimir Woinowitsch

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Bilder zu machen ist Beruf für Jean Pierre Kunkel. Als Illustrator hat er so gut wie alles erreicht. Erreicht hat er im Zuge dessen auch eine nicht abzuschätzende Vielzahl von Zeitgenossen,
Menschen, die in den Medien seine Bilder gesehen haben, beeindruckt waren oder auch nicht, und nur in den seltensten Fällen wahrgenommen haben, wer der Autor dieser Bilder ist - dieser
dienenden Bilder vom Typ Illustration.
Jetzt aber zeigt JPK sich als Maler. Er präsentiert in der ersten Ausstellung überhaupt seine
Gemälde. Es sind dies Bilder, die nicht dienen zu diesem oder jenem Zweck. Sondern sie treten auf als unumschränkt freie Gebilde, die nur ihrem eigenen Gesetz gehorchen. Nur ihrem Gesetz? Wirklich? Nun, so könnte man einwenden, sind diese Bilder denn nicht Hervorbringungen eines Künstlers, eines nun unbestreitbar freien Subjekts? Entscheidet dieser nicht über ihre Beschaffenheit? Ist er denn nicht frei, z.B. diese oder jene Größe und Qualität von Leinwand zu wählen, auch zu befinden über Öl oder Acryl? Und gilt dies denn nicht auch für die Wahl der Themen und Motive?

Wohl wahr. Und doch nicht die ganze Wahrheit. So wie mancher Schriftsteller sagt, eine
Geschichte entwickele Eigensinn, so lehrt die Erfahrung all derer, die wahre Maler sind: Die Bilder entwickeln Eigensinn. Wenn man also die Bilder dieser Ausstellung betrachtet, und dies meint: sich auf sie einläßt - so kann es nicht an jener besonderen Wahrnehmung fehlen – diese Bilder sind eigensinnig.
Nicht alle im gleichen Maße, versteht sich, aber doch.

Der Eigensinn der Bilder entwickelt einen Sog. Wir werden zu ihnen hingezogen um aus der Nähe zu betrachten - eine Blume z. B.. Das Motiv ist nicht neu. Bei dieser Feststellung stehen zu bleiben würde uns aber zum Schaden gereichen. Denn wir würden nicht wahrnehmen, daß das Motiv nichts weiter ist als das Lockmittel, das uns anzieht. Von diesem motivischen ‚Was‘, das in vierhundert Jahren immer wieder in eine Vielzahl von Themen eingebettet worden ist, sollen wir hinüber zum ‚Wie‘. Lieber Künstler, welchen Zauber hast du beschworen, dass dies zustande kam? WIE hast Du das gemacht?
Darauf gibt es unzählige Antworten, oder doch nur die eine, die die wahren Maler geben: Ich blickte auf die Leinwand und sah eine leere oder besser: bedürftige Stelle. Und dann noch eine, und so fort. Im Prozeß des Malens tritt der Maler , wie wir wissen, immer wieder von der Staffelei zurück. Er tut dies, was ja nicht überrascht, um abzuschätzen, ob seine Intervention den gewünschten Erfolg hatte. Wir, die Betrachter der Bilder, sollten es ihm freilich gleichtun und, aus der Nähe weichend, wieder die Betrachtung aus der Distanz suchen.
Unausweichlich kommt dann der Augenblick, da wir uns äußern wollen – zum Bilde selbst, zu dem, was wir hier und im Zuge der Betrachtung erlebten …. Das ist stets eine riskante Sache.
Wie immer Sie sich entscheiden werden, wir empfehlen, und folgen damit einer Vorschrift eines der größten Meister, nicht mehr zu sagen als etwa: „Ahh“, „Ohh“ „Mhm“ oder einfach „Ja!“.


Eberhard Stosch